Freitag, 4. Dezember 2015

[Karneval] Regeln by the book – Sicherheit oder Mythos?

Der Karneval der Rollenspielblogs im Dezember 2015 dreht sich um das Thema „RPG Regeln by the book oder ad-hoc verregeln“ und wird von w6 vs w12 organisiert. Ein wirklich spannendes Thema, das ich gerne aufgreife.

http://w6vsw12.wordpress.com/2015/12/01/karneval-der-rollenspielblogs-dezember-2015/%22
Ich möchte dazu zwei Stellungnamen wiedergeben, eine von 10.000 Orks, die ganz deutlich für Regeln by the book sind. Danach eine Stellungnahme vom Narren, der dieses Vorhaben für utopisch hält. Ich glaube nicht daran, dass bei deutlichen Pro-Contra-Positionen die Wahrheit unbedingt in der Mitte liegen müsse. Die Vorstellung ist merkwürdig – wenn die eine Position falsch ist und die andere Position falsch, wieso sollte die Wahrheit dann zwangsläufig ein Konglomerat aus beidem sein? Vielleicht ist die Wahrheit ja auch eine dritte Position.

James Edward Raggi IV., der Autor von Lamentations of the Flame Princess, schrieb in der Einführung zu seinem Referee Guide, dass man nicht mit ihm konform gehe. Auch in der Auseinandersetzung und Ablehnung seiner Empfehlungen könne man sich seines eigenen Spielstils bewusst(er) werden und ihn weiter entwickeln. Ich denke das ist etwas, was unbedingt stimmt. Was darin auch zum Ausdruck kommt ist, dass es eine Vielfalt unterschiedlicher, gleichberechtigter Spielstile gibt. Es gibt keine zu entdeckende Wahrheit. Es gibt aber eine Position, die man einnehmen kann und es gibt Argumente, die man überzeugend findet oder denen man ablehnend gegenüber steht. Diese Vielfalt an Spielen und Spielstilen finde ich beeindruckend und für mich ist es auch das großartigste, zwischen verschiedenen Spielstilen zu wechseln – denn das gibt die Möglichkeit, ein anderes Spiel zu spielen. Und dieser Wechsel kann manches Mal viel, viel mehr ausmachen, als wenn ich das Regelbuch wechsle. In diesem Sinne nun die Wiedergabe zweier Positionen – vertraut bin ich mit beiden sehr gut.


Regeln by the book bieten Sicherheit und Konsistenz
Ein Statement von 10.000 Orks

Man kann nicht anders, als by the book zu spielen. Denn wenn man ständig den Pfad der vorgegebenen Regeln verlässt, dann macht man vielleicht irgend etwas, hat womöglich sogar Spaß dabei, spielt aber bestimmt nicht dieses Spiel, für das man ein Regelbuch in der Hand hält.

Regeln geben den Spielern Sicherheit und Verlässlichkeit. Sie sehen anhand der Regeln, was möglich und unmöglich ist, welche Optionen sich ihnen bieten und wie sie auf das Spiel Einfluss nehmen können. Wenn ihnen Regeln eine bestimmte Handlung erlauben, dann möchten sie diese auch ausführen können, ohne dass Spielleiter ihnen querschießt! Regeln bieten auch Schutz vor Spielleitern, die im Rollenspiel ihre Allmachtsphantasien ausleben wollen. Denn nicht nur werden den Spielern Möglichkeiten geschaffen, sondern der Spielleiter auch in seinen Möglichkeiten eingegrenzt: Der Spielleiter kann und darf eben nicht alles, die Spielregeln gelten auch für ihn.

Manche Spiele verlieren das Gleichgewicht aus den Augen – sie formulieren viele Regeln für Spieler, lassen den Spielleitern aber alle Freiheiten, gerade auch in kritischen Fragen. Natürlich ist es am Spielleiter, diese Freiheiten nicht auszunutzen. Dies gilt genauso beim Kampagnenentwurf – selbst eine Sandbox gebaut wird, müssen die Monster fair verteilt werden, so dass das Spiel zu aller Zufriedenheit überhaupt funktionieren kann.

Es ist also Aufgabe der Rollenspielautoren, Regeln zu schreiben, die sich sowohl an Spieler als auch an Spielleiter richten.

Aber natürlich kann das Spiel umgeschrieben werden – das ist der große Vorteil eines Spiels gegenüber eines Films. Es ist in der Praxis für den normalen Zuschauer unmöglich, einen Film umzugestalten – aber jeder Spieler eines Spiels kann Regeln ändern. Regeln by the book ja – aber man das Buch umschreiben. Wichtigstes und oberstes Ziel ist die Verlässlichkeit. Ohne Verlässlichkeit können wir auch anfangen, uns einfach tolle Geschichten zu erzählen.


By the book ist ein Mythos – ohne ständige Ad-hoc-Entscheidungen geht es nicht
Ein Statement von Der Narr

Ich habe noch nie ein Rollenspiel by the book gespielt. Schon allein die Vorstellung ist albern – Rollenspiel-Regeln wie sie de facto existieren sind keine exakten Algorithmen, die man in einen Computer eingeben könnte. Ständig werden Entscheidungen getroffen, die sich auf die Anwendung von Regeln beziehen. So habe ich kürzlich darüber geschrieben, dass viele Spiele zwar Proben vorsehen und sogar unterschiedlich schwierige – aber was die normale Probe ist, was eine leichte oder schwere, das wird erst im Spiel selbst bestimmt und steht (oft) nicht in den Regeln. Sind solche Spiele unspielbar oder dysfunktional? Nein, sie werden ja gespielt. Man muss sich aber von der Vorstellung lösen, dass die Regelbücher die Spiele sind. Die Spiele sind erst das, was konkret am Tisch in der Spielrunde geschieht. Und das hat mit by the book meist herzlich wenig zu tun.

Rollenspiel lebt davon, ständig neue Spiel-Elemente zu generieren, abzulegen, wiederaufzunehmen, zu verändern… All dies lässt sich oft nicht in Regeln pressen – und das ist auch gar nicht nötig. Rollenspiel wird nicht von Computern gespielt, sondern von kreativen menschlichen Geistern. Kreativität meine ich hier in dem Sinne, als dass jeder geistig gesunde Mensch über Kreativität verfügt – schon allein die Anwendung der Sprache demonstriert dies täglich. Ständig erfassen wir neue Situationen und beurteilen diese – gehen wir über die Straße oder warten wir, bis das Auto vorbei ist? Stehen wir auf oder schalten wir den Wecker auf Schlummern? Nehme ich den Job an oder warte ich auf ein besseres Angebot? Sage ich ja oder nein? Und ständig verwenden wir Dinge anders, als sie gedacht sind. Worte erhalten einen neuen Sinn – „irre“ kann positiv oder schlecht sein. Reparaturen werden mit ungeeigneten Materialien durchgeführt. Alltagsgegenstände dienen als Werkzeug. Hölle, neulich habe ich meinen Tablet PC mit einem Dosenöffner geöffnet!

Rollenspielregeln sind nicht vollkommen. Viele Rollenspielregeln haben sogar den Ansatz, an Umfang zuzunehmen und möglichst viele verschiedene Situationen durch individuelle Regeln klären zu müssen. Dies soll Sicherheit schaffen. Es wird aber immer Situationen geben, die nicht verregelt sind, eben weil wir kreativ sind und das auch im Rollenspiel sind und uns ständig neue Situationen begegnen werden. Darum versuchen andere Rollenspiele, gezielt darauf aufzubauen, nur wenige Grundmechanismen zu bieten, die immer wieder neu interpretiert werden. Aber viele Rollenspiele sind noch auf andere Art unvollkommen – nämlich dann, wenn zwei Spieler dieselbe Regel lesen, die sie unterschiedlich verstehen. Dies berührt auch die Unterscheidung ‘read as written’ oder ‘read as intended’ – wobei über die Intention natürlich nicht der Autor entscheidet, sondern wiederum die Leser und die können hier zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen. So existiert in manchen Spielrunden und Rollenspielforen regelrechte Rollenspiel-Exegese, um die Regeln und ihre Anwendung verstehen zu können – wie kann man da noch die Vorstellung, man könne ein Spiel by the book spielen, aufrecht erhalten?

Welchen Weg auch immer man geht – braucht man mehr Sicherheit oder traut man sich mehr eigene Entscheidungen zu – ganz ohne Ad-hoc-Entscheidungen wird Rollenspiel niemals funktionieren.

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